Mystik ist die Kunst, mit dem Meer zu tanzen

Die Kunst mit dem Meer zu tanzen

Manche Regale sind gefüllt mit Märchen und Mythen über das Meer – mit Geschichten von Abenteurern, die es bändigen wollten, von Menschen, die die erstaunliche Heilkraft des Wassers entdeckten, und mit Büchern voller zauberhafter Bilder der Unterwasserwelt. All diese Worte und Bilder können die Sehnsucht nach dem Ozean wecken – doch sie bleiben an Land. Sie führen nicht hinaus auf das offene Meer.

Mystik bedeutet, sich auf das Meer einzulassen. Nicht nur darüber zu lesen oder davon zu träumen, sondern der Macht des Wassers zu begegnen. Aufs offene Meer hinauszusegeln – um dort zu erkennen, dass man nie wirklich an Land gewesen ist.

Was es bedeutet, mit den Wellen zu tanzen

Ein Segelboot zu steuern ist eine Kunst. Es erfordert Gespür, wann der sichere Hafen verlassen werden kann, wann es an der Zeit ist, hinauszusegeln. Es erfordert Wissen, wie die Segel gesetzt, wie der Kurs bestimmt wird, wie man im Einklang mit dem Wind navigiert. Und vor allem: Es erfordert Mut. Mut, sich den Launen des Meeres hinzugeben, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Mut, in den Stürmen die eigene Kraft zu spüren und mit den Strömungen zu spielen, anstatt gegen sie zu kämpfen.

Die Kunst des mystischen Weges gleicht der Kunst des Segelns: Wer das Steuer aus der Hand gibt, wird von den Wellen getrieben. Doch wer den Tanz mit dem Meer beherrscht, kann seinen Kurs selbst bestimmen – ohne gegen das Leben zu kämpfen.

Je weiter die Reise aufs offene Meer geht, desto größer wird das Staunen über seine Schönheit – und desto tiefer das Erschrecken über seine Gefahren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Sturm aufzieht, bis Wellen das Boot zum Kentern bringen wollen, bis Wasser eindringt oder der Kompass verrückt spielt. In solchen Momenten zeigt sich, wer mit den Wellen tanzt und wer gegen sie kämpft.

Wie oft senden wir in stürmischen Zeiten ein SOS-Signal aus? Wie oft versuchen wir uns an Relingen festzuhalten, die längst verschwunden sind? Und dann kommt der Moment der Erkenntnis: Es gibt keine Reling mehr. Kein festes Land unter den Füßen. Nur das Meer – und die Möglichkeit, mit seinen Wellen zu tanzen.

Meeresstürme geschehen zu lassen, ohne unterzugehen – das ist die hohe Kunst der Mystik. Sich einzulassen auf die Urkraft des Wassers. Mit dem Meer zu spielen, anstatt es zu fürchten. Zu erfahren, dass die Wellen nicht gegen uns sind – sondern dass wir selbst aus Wasser bestehen, von ihm getragen werden, mit ihm tanzen können.

Mystiker*innen sind jene, die mit dem Meer leben:

  • Die dem Meer zuflüstern und es besänftigen – und doch nicht immer die Ruhe vor dem Sturm erkennen.
  • Die gewaltige Meereswogen mit spielerischer Leichtigkeit beherrschen – und über denen die Wellen mit voller Wucht zusammenbrechen.
  • Die erfüllt von kindlicher Freude mit Delfinen spielen – und vor Haien in panischer Flucht sind.
  • Die in den Tiefen nach kostbaren Perlen tauchen – und von der Dunkelheit der Tiefe erschrocken sind.
  • Die unerschütterlich wie ein Anker auch in den stärksten Stürmen Halt finden – und sich wie Schaumkronen auflösen im unendlichen Meer.

Mystiker*innen schillern in den unterschiedlichsten Farben. Sie erinnern Menschen daran, wer sie wirklich sind: Wesen, durchdrungen von Licht und Bewegung, getragen von der Urkraft des Lebens. Untrennbar verbunden mit dem Ozean und allem, was in ihm lebt.

Wer sich darauf einlässt, entdeckt, dass Mystik nicht bedeutet, den sicheren Hafen zu suchen – sondern dass sie die Kunst ist, mit dem Meer in Einklang zu kommen. Die Kraft der Wellen zu spüren. Sich von ihnen tragen zu lassen.

So zeigt sich, dass der wahre Tanz nicht im Kampf gegen das Meer liegt – sondern im Vertrauen auf den eigenen Rhythmus.

Lass uns gemeinsam hinaus auf das weite Meer segeln – und mit seinen Wellen tanzen.